Mittwoch, 5. Mai 2010

Einladung zum 22.Mai 2010::: May 22, 20120

Salon No. 25: Time for The Wild Party (1928) by Joseph Moncure March
Salon Nr. 25: Zeit für Das wilde Fest (1995) übersetzt von Uli Becker
They just don’t make them like that anymore: parties that is, and poems. MAUS artist Art Spiegelman resuscitated this “lost classic,” restored it to the original version, and complemented it with his dramatic illustrations (that it almost doesn’t need).
So was gibt es heute gar nicht mehr: solche Parties and solche Gedichte. Art Spiegelman, der Cartoonist von MAUS, hat diesen „verlorenen Klassiker“ ausgegraben, in seiner originalen Version wiederhergestellt und um seine eigenwilligen Illustrationen ergänzt (die es eigentlich fast nicht braucht).
It is the Jazz Age somewhere in America. Queenie, a vaudeville dancer, and Burrs, a (macho) clown, are in the relationship doldrums. They decide to throw a party to spice things up. So a bunch of original and shady characters get together at their place for drinks, dance, and debauchery. A semblance of true love that begins to blossom amidst this orgy brings the party to an abrupt end, and it is no Hollywood ending.
Es sind die wilden Zwanziger irgendwo in den USA. Queenie, eine Varietétänzerin, und Burrs, ein (macho) Clown, langweilen sich in ihrer eingefahrenen Beziehung. Sie beschließen, eine Party zu schmeißen, um die Dinge ein wenig aufzuheizen. Also treffen sich bei ihnen ein paar ungewöhnliche und finstere Charaktere zum Trinken, Tanzen und Ausschweifen. Als so etwas wie wahre Liebe inmitten der Orgie knospet, ist die Party plötzlich ganz schnell zu Ende, und ein Happy End ist es nicht.
Joseph Moncure March’s narrative poem features pulsating rhythms and intricate rhymes, is part study of human behavior and sexual relations and part ironic tableau of his time. Following its rediscovery and publication in 1994, the Wild Party premiered as two musicals in 2000 on Broadway (with Toni Collette as Queenie) and off-Broadway. Uli Becker translated it to German; Otto Sander recorded it as an audiobook.
Das erzählende Gedicht von Joseph Moncure March hat pulsierende Rhythmen und verwinkelte Reime, ist Studie menschlichen Verhaltens und der Geschlechterbeziehungen und ein ironisches Gemälde seiner Zeit. 1994 wiederentdeckt und neu veröffentlicht wurde die Wild Party im Jahr 2000 als Musical auf dem Broadway (mit Toni Collette als Queenie) und Off-Broadway gezeigt. Uli Becker hat es als „Das wilde Fest“ ins Deutsche übersetzt; Otto Sander las es als Hörbuch.
But who needs Broadway, if we can stage our own production and have our own Wild Party at the salon? On May 22, we are going to do a collective reading of both the English and German versions. It’s a long poem, so it’s going to be a long night, but there will be breaks, and drinks, and maybe food, and it might all end in a “wild party” (minus the gun, the murder, and the cops.) Did I mention that it’s the 25th salon?
Aber wer braucht den Broadway, wenn wir im Salon unser eigenes wildes Fest aufführen und veranstalten können? Am 22. Mai werden wir in einer gemeinschaftlichen Lesung die englischen und deutschen Fassungen lesen. Es ist ein langes Gedicht, und so wird es eine lange Nacht, aber wir werden Pausen machen, es wird Getränke und vielleicht etwas zu Essen geben, und möglicherweise wird alles in einer „wilden Party“ enden (ohne Revolver, Mord und Polizei). Habe ich schon gesagt, dass es der 25. Salon ist?
Queenie and Burrs are the hosts, and then there are going to be the following guests (cf. Wikipedia): fading star Dolores; Kate, Queenie's best friend and rival; Black, Kate's younger lover, who has his eye on Queenie; Jackie, a rich kid who has his eye on everyone, regardless of gender; the incestuous D'Armano brothers; the Lesbian stripper Madelaine True and her girlfriend Sally; underaged Lolita-like Nadine; and prizefighter Eddie and his wife Mae.
Queenie und Burrs laden ein und dann sind noch zu Gast (vgl. Wikipedia): Der verblassende Star Dolores; Queenies größte Freundin und Rivalin Kate; Kates junger Liebhaber Black, der sich in Queenie verguckt; Jackie, ein reicher Typ, der sich in alle verguckt, egal welches Geschlecht; die inzestuösen D'Armano-Brüder; die lesbische Stripperin Madelaine True und ihre Freundin Sally; die minderjährige Lolita-ähnliche Nadine; und der Boxer Eddie und seine Frau Mae.
And you? Hope to see you there, too!
Und Du? Ich hoffe, Du kommst auch?

Freitag, 23. April 2010

Bella Moissejewna Reinsdorf


Bei der Übergabe unserer Spende im April 2010 in Berditschew.

Montag, 5. April 2010

Nachlese Salon vom 20. März 2010

Paul Celans „Todesfuge“ ist das Gedicht zur Shoah. Es war seine Blechtrommel und gilt als klare Antwort auf Adornos Diktum „nach Auschwitz ein Gedicht zu schreiben, ist barbarisch.“ In dem Gedicht beschwört er in einem Atemzug immer wieder Margarete, die Deutsche, und Shulamith, die Jüdin, und so endet es auch:
dein goldenes Haar Margarete
dein aschenes Haar Sulamith
Die beiden Frauen stehen nicht nur für ihre jeweiligen Völker mit ihren eventuellen physischen Eigenschaften; ihre Haare scheinen in dem Gedicht auch übereinander zu liegen und sind sozusagen miteinander verwoben.* So wie auch Deutsche und Juden durch ihre gemeinsame Vergangenheit untrennbar verquickt sind und eine Art schamvolle und schmerzliche Schicksalsgemeinschaft bilden.
Mehr als 60 Jahre später befragen manche von uns ihre Eltern und Großeltern immer noch und erhalten unbefriedigende Antworten. Einer davon ist Thomas Wernicke.
Thomas Wernicke, 1954 geboren, ist Lehrer für Kunst an der Kurt-Schwitters-Gesamtschule in Prenzlauer Berg (deren Schüler übrigens gerade eine tolle Ausstellung in der Berlinischen Galerie auf die Beine gestellt haben—Ansehen!). In seiner Freizeit betreibt er Kunst sowie eine kleine Galerie in seinem Wohnhaus.
Für den Salon ist mein Flur zur Galerie geworden. An die nackten, vom Alltag befreiten Wände hat Thomas die Ausstellung gehängt, die seinen Film stets begleitet: kollagenhafte Zeichnungen, eine Installation aus 90 (hier 49) goldgerahmten Schwarz-Weiß-Aufnahmen von Grabsteinfotos des Jüdischen Friedhofs in Berditschew und eine historische Landkarte, auf der die Stadt markiert ist, mitten in den Weiten der Ukraine.
Wir haben einen Filmprojektor aufgebaut und ich habe von einer Nachbarin noch extra Stühle geholt. Es ist schon voll, doch wir warten noch auf pendelverkehrende und andere verspätete Gäste. Ich beginne mit einer kurzen Einleitung. Die Unvollständigkeit des Windrades, das im Film und während Thomas’ Aufenthalten in Berditschew im Hintergrund klapperte, erkläre ich als symbolisch für die Überreste der früher in Berditschew beheimateten jüdischen Kultur und für den Film selbst.
Dann beginnt der 60minütige Dokumentarfilm Berditschew, den Thomas in zahlreichen Besuchen und in seinem Sabbatjahr recherchierte und drehte (unterstützt von Elisaweta Bjeljajewskaja und gestaltet und komponiert von Michael "Roosty" Schmerschneider). Die Geschichte, die er ausgegraben hat, ist nicht die seines schweigenden Vaters. Es sind die Geschichten von Menschen, die ihrer Vernichtung hautnah entronnen sind.
Der Film situiert die Geschichte im Hier und Jetzt: Zunächst begleiten wir den Autor auf seiner langen Anfahrt in die Ukraine. Dann besuchen wir eine Synagoge, die heute als Näherei dient, und schließlich begegnen wir den interviewten Überlebenden der Shoah bei ihren täglichen Verrichtungen. Immer wieder ist die Kamera anwesend, wenn die Männer (manchmal erfolglos) in der Synagoge ausharren und warten, dass ein zehnter erscheint und sie mit dem Gottesdienst beginnen können.
Die Berichte der Überlebenden schockieren und ihre Appelle für den Frieden bewegen. Es ist ein stiller Film... wäre da nicht die anklagende und sirenenhafte Musik, die Bilder und Worte gehörig unterstreicht.
Im anschließenden Gespräch wird darüber heftig diskutiert. Einigen geht die Musik ästhetisch gegen den Strich, andere fragen sich, ob man so melodramatisch überhöhen darf, und wieder andere sagen: Warum denn eigentlich nicht? Eine ebenso hitzige Diskussion entspinnt sich über die Holocaust-Aufarbeitung an sich, wobei vor allem einige nicht eingeborene Gäste meinen, dass es doch bald einmal genug sei, was die anwesenden Deutschen zumeist ganz anders sehen.
Für Thomas gibt es viel Lob und Ermutigung für zukünftige Vorführungen. Ausnahmsweise bitten wir um eine Spende für eine schwer erkrankte Zeitzeugin in dem Film (und es kommt eine stattliche Summe zusammen.) Betroffen eilen einige nach dem offiziellen Teil nach Hause, während wir anderen noch lange weiter reden und diskutieren, intensiv und herzlich.
Auf meine Einladung hin hatten manche gemeint, es sei „ein heftiges Thema für einen Salon“ oder „Ach, das gibt es doch schon so viel“, vielleicht wie eine zwar wichtige, aber eben doch Pflicht-Übung, die sich mit Geselligkeit nicht vereinbaren lässt. Ob die Deutschen jetzt für immer mit den Juden in Verbindung gebracht werden, darüber mag man streiten. Und man mag es müde sein, sich einer Geschichte zu stellen, die nicht unmittelbar die eigene ist. Doch ist diese Geschichte nicht Teil der Gegenwart? War denn nicht ganz Europa, jede einzelne Familie, in irgendeiner Form vom Zweiten Weltkrieg betroffen?
Den Überlebenden der Shoah hatte man persönlich nach dem Leben getrachtet. Die Menschen in Berditschew, die Thomas aufgespürt hat, haben es überlebt und sie leben noch. Es ist an der Zeit, dass sie endlich ihre Geschichte(n) erzählen können. Und es ist an der Zeit, dass man sie hört.
Wer sollte ihnen zuhören wenn nicht wir?

*Diese Idee verdanke ich John Pizer.
http://www.berditschew.com/
http://www.sternenfall.de/Celan--Todesfuge.html

Sonntag, 28. März 2010

Salon am 20. März 2010



Thomas Wernicke und seine Fotoinstallation.

Einladung zum 20.3.2010

Reisen in die Vergangenheit?
Eine Reise in die Ukraine ist für Deutsche und andere Westler seit 2005 visafrei. Anlass dafür war der Grand Prix d’Eurovision in Kiew, der seit 1958 jährlich--jeweils im Land des vorhergehenden Siegers--einen immer größer werdenden, paneuropäischen Friede-Freude-Eierkuchen des Pops zelebriert. Ich und viele andere Neugierige nutzten die Gelegenheit, um sich hinter diesem, vorerst nur kurz gelüfteten Eisernen Vorhang etwas umzuschauen. 2005 und 2006 zuckelte ich mit Zug und Minibus von Krakow aus in die Ukraine: nach Lemberg (Lwiw), Drohobytsch (wo Bruno Schulz lebte und starb), Stanislau (Iwano-Frankwisk) und vor allem nach Czernowitz (wo Paul Celan geboren und geprägt wurde). Ich suchte nach Splittern und Fetzen deutschsprachiger, jüdischer und anderer Kultur und Kulturen, die einige der bedeutendsten und bewegendsten Kunstwerke hervorgebracht haben.
Viel fand ich nicht mehr.
Thomas Wernicke ist seitdem schon 27 Mal in die Ukraine gereist. Aus Liebe, aber auch, weil er dort Menschen begegnete, die ihm nach und nach von ihrem grauenvollen, doch wunderbaren Überleben der Shoah erzählten. Sie waren die bis dahin stummen Augenzeugen der Vernichtung ihrer Eltern, Geschwister, Freunde und Feinde und damit fast jeglichen jüdischen Lebens in Berditschiw, der früheren heimlichen Hauptstadt der Stetljuden. Er hat sie immer wieder befragt und mit der Kamera begleitet. Er hat ihre Wärme und ihre Lebensfreude, ihre tiefe Trauer und Verletzung erlebt und wollte sie erlebbar machen. In jahrelanger Kleinarbeit und mit persönlicher Finanzierung ist so ein Film entstanden, der von einer kleinen Ausstellung und Gesprächen begleitet wird.
Am 20. März 2010 um 20 Uhr lade ich zu
BERDITSCHEW ZEITZEUGENBERICHTE
mit Thomas Wernicke.
Bitte beachten: Der Salon ist nicht kommerziell und nicht öffentlich. Ich bitte um vorherige Anmeldungen oder Absichtsbekundungen und ggf. kurzfristige Absagen, damit ich besser planen kann (Stühle, Warten wir noch? usw.). Rechtzeitiges Erscheinen sichert gute Plätze und allen einen ungestörten Salon. Getränke, tellerfreies Essen, Blumen sind wie immer willkommen.
Viele Grüße
Ina Pfitzner